Sanierungsexpertin Dr. Nicole Essiger-Munk, Politikwissenschaftlerin
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Immer mehr Kinder sind sprachgestört

Vor allem Buben und Ausländer betroffen – zu wenig Sprachförderung in Kindergärten.
Oft bringt es erst die Einschulung an den Tag. Viele Kinder haben einen Satz nicht richtig nachsprechen können und Probleme mit dem Sprachverständnis haben. Doch die bisherigen Fördermaßnahmen greifen laut Fachleuten zu kurz und kommen zu spät.

Mindestens zehn Prozent aller Kinder haben laut Gesundheitsamt bei der Einschulung Sprachprobleme – Tendenz zunehmend. 12,6 Prozent der Erstklässler konnten Wörter nicht richtig aussprechen. Statt „drei“ sagen sie „grei“, statt „krumm“ „klumm“. Dies betreffe 13,6 Prozent der deutschen Kinder und 10,4 Prozent der ausländischen Kinder.

Zudem haben ausländische Kinder, allen voran die türkischen, Probleme mit der Grammatik, können keine vollständigen Sätze bilden, konjugierten das Verb falsch oder verwenden falsche Artikel, etwa „Mama holen die Auto“. Insgesamt hatten damit fünf Prozent der Kinder Schwierigkeiten, jedoch Buben anderthalb Mal so oft wie Mädchen. Deutsche Kinder waren davon zu 3,3 Prozent betroffen, ausländische zu 8,5 Prozent.

7,8 Prozent aller Kinder macht es Probleme, Wörter wie „Aluminium“ nachzusprechen. Noch deutlicher offenbarte sich der Unterschied bei der Zuordnung und dem Nachsprechen von Begriffspaaren wie „Kahn“ und „Kamm“. Hier scheiterten 6,3 Prozent der deutschen und 20,6 Prozent der ausländischen Kinder.

Neu sei es, dass auch intelligente Kinder zunehmend bei der Sprachentwicklung gestört seien. Grund sei auch die mediale Überflutung. Viele Kinder hätten kaum noch Gelegenheit, die Begriffe in ihrer Urfunktion zu erleben – und zu begreifen.

Sprache kann nur über Bewegung und Sinne erfasst werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die räumliche Orientierung, die Dimensionalität, die beim Klötzchenbauen, beim Ein- und Ausräumen von Spielzeug, beim Betrachten eines kleinen Käfers oder bei der Erzeugung von Musik oder Geräuschen gewonnen werden kann. Hierbei lernt das Kind zwischen oben und unten, draußen und drinnen, vorne und hinten zu unterscheiden, was später für die Buchstabenwahrnehmung bedeutsam ist.

Sinneserfahrungen werden Sprache

Wie soll ein Kind je einen reichen Wortschatz erwerben, wenn es in der wichtigen Phase des Spracherwerbs bis zum siebten Lebensjahr nie den Unterschied zwischen rauh und weich, biegsam und hart, Glas und Plastik, Holz und Metall sinnlich und begrifflich kennengelernt hat. Diese Erfahrungen müssen alle einprogrammiert werden. Ganz zu schweigen von den Kieferschäden. Kinder, die mit drei nicht sprechen, haben oft ein Gebiss, das nicht geformt ist. Häufig gelten Kinderreime und Kinderlieder heute als altbacken, obwohl gerade sie Gymnastik für Gaumen und Zungen und „Hebammen für die Sprachentwicklung“ sind.

Das Fernsehen, ja selbst Hörkassetten für Kinder seien „sinneschaotisierend“ und deshalb in den ersten Jahren des Kindes nicht zu empfehlen. Sprache braucht Vorbilder, Eltern oder Erzieherinnen, die sich genau ausdrücken und klar artikulieren. Doch leider, das zeigt auch eine OECD-Studie, sei die Ausbildung der Erzieherinnen in Deutschland am schlechtesten. Der Vorschlag, Sprachtests für Fünfjährige einzuführen, ist vom Ansatz her falsch.

Eine Sprachstandserhebung für Fünfjährige kommt zu spät. Sinnvoll wäre es, schon im ersten Kindergartenjahr Fachleute einzubeziehen, die in Kleingruppen gezielt die Defizite der Kinder erkennen und aufarbeiten. Gerade im Elementarbereich muss mehr in die Kinder investiert werden. Statt Studiengebühren zu verteufeln, soll man lieber darüber nachdenken, auf Kindergartengebühren zu verzichten.

Hinzu kommt, dass zu wenige Eltern wissen, dass sie durch ihr Vorbild das Verhalten der Kinder prägen. Nicht früh genug kann man mit den Kindern Bilderbücher angucken, Gedichte lernen und Kinderlieder singen.

Was ABC-Schützen können sollten:

  • Einen Satz mit 14 Silben fehlerfrei nachsprechen, zum Beispiel: Wenn die Sonne scheint, spielen Kinder draußen mit dem Ball.

  • Eine Zahlenfolge fehlerfrei nachsprechen.

  • Einen vollständigen Satz grammatikalisch korrekt aussprechen, zum Beispiel: Die Mama holt das Auto.

  • Zehn Bildpaare mit ähnlich klingenden Wörtern nach vorheriger Erklärung korrekt nachsprechen und dem entsprechenden Bild das richtige Wort zuordnen, zum Beispiel: Kamm und Kahn, backen und baden, Tanne und Kanne.

  • Schwierige Wörter artikuliert nachsprechen, zum Beispiel: Aluminium, Postkutsche oder, besonders schwierig: Schellfischflosse.

  • Grafische Zeichen, die schriftlich vorgegeben werden, korrekt nachzeichnen, darunter beispielsweise ein Z oder ein S, aber auch "/" oder ein umgekehrtes K.

  • Auf rhythmische Nachklatschübungen sowie das Nachsingen von Kinderliedern wird künftig verzichtet – es ist zu schwierig.

Erschienen in der Sz BN am 22.11.2002

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