Sanierungsexpertin Dr. Nicole Essiger-Munk, Politikwissenschaftlerin
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Alt, verwirrt – allein gelassen? Hand in Hand
 

Nun haben wir es also schriftlich: Alte Menschen, die langsam ins Dunkel der Demenz gleiten, die im Tunnel der Trauer verharren, die im Sog einer Suchtkrankheit stecken – sie werden nicht ausreichend versorgt in den Frankfurter Pflegeheimen, Kliniken und von ambulanten Diensten. Am Beispiel einer Stadt in Hessen wiegt die unverhohlene Kritik des neuen städtischen Gutachtens umso schwerer, als sich die Stadt damit auch selbst beschuldigt. Schließlich führt sie mehrere Heime, schließlich gehört ihr das örtliche Krankenhaus, schließlich untersteht ihr die zentrale Altenberatungsstelle.

Zugleich aber sind die drei Behörden, die den Bericht erstellt haben, auch mächtige Soziallobbyisten, deren Ziel es ist, die Versorgung der psychisch kranken und alten Menschen deutlich zu verbessern. Und deshalb stellen Gesundheitsamt, Sozialamt und das Krankenhausreferat Maximalforderungen, wohl wissend, dass diese nicht alle erfüllt werden können. Dennoch ist diese Herangehensweise richtig gewesen, weil nur so ein umfassendes und schlüssiges Konzept erarbeitet werden konnte. Nun ist die Marschroute klar, nun müssen Politik und Kostenträger sagen, wie weit sie gehen wollen, sprich, wie viel sie für eine optimale Versorgung der alten Menschen auszugeben bereit sind. Der Gemeinderat jedenfalls sollte sich umgehend mit dem Bericht befassen.

Und vieles ist ja bereits erreicht worden; die Situation in Hessen ist keineswegs katastrophal. Dennoch sind einige Maßnahmen unumgänglich und im Grunde ist es ein Skandal, dass deren Verwirklichung immer noch eingefordert werden muss. Dazu gehört vor allem eine verbesserte Betreuung der verwirrten Menschen in den Heimen. Die Pflegerinnen tun zwar ihr Menschenmögliches, doch sie brauchen eben auch eine gute Schulung. Ihnen müssen spezielle Pflegekonzepte an die Hand gegeben werden. Auch eine gute fachärztliche Behandlung der Bewohner sollte selbstverständlich sein.

Klug und richtig ist der Ansatz, alle bestehenden Angebote zu vernetzen, weil die kranken Menschen auf diese Weise schnellere und kompetentere Hilfe erhalten. Auf dem Weg dorthin sind aber noch viele Hürden zu nehmen. Das Ziel der Autoren, diese Vernetzung innerhalb von zwei Jahren zu schaffen, ist ehrgeizig und kaum zu schaffen.

Größtes Hemmnis wird das fehlende Geld sein. Doch ein Ausweg könnte darin liegen, verstärkt Angehörige und Ehrenamtliche in die Betreuung der alten Menschen einzubinden. Beispielhaft ist hier die aufopferungsvolle Arbeit der „Grünen Damen Wetterau“. Ich meine, warum eigentlich sollen sich Angehörige in den Pflegeheimen nicht engagieren, und warum sollen sich Freiwillige nicht in Betreuungsgruppen einbringen? In Bad Nauheim, Friedberg und anderswo wird vorgelebt, dass dieser Weg gangbar ist. Hand in Hand – das sind wir den alten Menschen schuldig.

Erschienen in der Sz BN am 15.06.2001

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